Anwendungsgebiete


Klinische Anwendungsbereiche
Die Positive Psychotherapie stellt dem Therapeuten einen vielfältigen Handlungsspielraum zur Verfügung, der, wenn nötig aufdeckende Therapie erlaubt, aber genauso gut Strategien zur Lebensbewältigung und Ich-Stützung anbieten kann. Das fünfstufige Modell der Therapie und Selbsthilfe ist dabei wie ein Baukastensystem zu verstehen, in das viele weitere Bausteine anderer Therapiemethoden zum Vorteil des Patienten und unter Berücksichtigung seiner individuellen Bedürfnisse integriert werden können. Grundsätzlich heißt das: Das Modell der Positiven Psychotherapie ist für beinahe alle psychischen und psychosomatischen Störungen indiziert. Dabei liegt die Kunst des Therapeuten darin, den richtigen Baustein für den einzelnen Patienten auszuwählen. Durch die verständliche Sprache, die Geschichten und Sprachbilder ist es möglich, auch einfacher strukturierte Patienten und vor allem auch Kinder und Jugendliche anzusprechen und für eine Therapie zu gewinnen.

Besonders gute Erfolge wurden erzielt bei den neurotischen und psychosomatischen Störungen (vgl. Wirksamkeitsstudie). Auch psychotische Erkrankungen sind keine Kontraindikation, wenn der Therapeut es versteht, sich auf einzelne Elemente des gesamten Therapierepertoires zu beschränken. Ziel ist es nicht eine Umstrukturierung der Persönlichkeit, sondern eine Zentrierung auf die aktuell im Vordergrund stehende Symptomatik und ihres Konflikthintergrundes im Sinne einer partiellen Regressionsarbeit.

Die allgemein akzeptierten Kontraindikationen für aufdeckende Verfahren (vgl. Reimer 1996) gelten auch für die Positive Psychotherapie, jedoch läßt sich dieses Verfahren auch als begleitende – stützende – beratende Behandlungstechnik anwenden (vgl. Peseschkian 1980 und 1991).

Die Positive Psychotherapie sieht die Bezugspersonen als einen wesentlichen Träger der Therapie. Gerade dort, wo zunächst nicht unmittelbar therapeutisch auf den Patienten eingewirkt werden kann, kann dessen Bezugsperson auf ihre Aufgabe im Verhältnis zum Kranken durch das fünfstufige Vorgehen vorbereitet werden. Vor allem kommt es darauf an, daß die Bezugsperson auf die Mißverständnisse hin sensibilisiert werden, die im Zusammenhang mit den Interaktionsstadien Verbundenheit, Unterscheidung und Ablösung in ihrem Verhältnis zum Kranken aufgetreten sind.

Die folgenden Strategien sind ein Überblick über die vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten der Positiven Psychotherapie. Sie werden flexibel und individuell den besonderen Bedürfnissen des Patienten oder der Patientenfamilie angepaßt.

  • Arbeit mit dem neurotischen Einzelpatienten

    Gemäß dem Grundsatz, daß eine Änderung eines Systemelements Auswirkungen auf das Gesamtsystem hat, wird der Patient durch positive Umdeutung ermutigt, die Patientenrolle zu verlassen und als Therapeut seiner Umgebung zu fungieren.

  • Paartherapie

    Partnerschaftliche Probleme beziehen sich meist auf Mißverständnisse im Bereich der Aktualfähigkeiten, die durch das DAI (Differenzierungsanalytisches Inventar) beider Konfliktpartner gut erfaßt werden können. Fast immer stehen bei Paarkonflikten auch Kommunikationsstörungen im Vordergrund, die mittels des Interaktionsmodells Verbundenheit - Unterscheidung - Ablösung analysiert und verändert werden können. Vom Setting her bietet sich ein Vorgehen von Einzelsitzungen mit jedem Konfliktpartner und Paargesprächen in festem Wechsel an, z.B. nach je drei Einzelsitzungen eine Paarsitzung.

  • Arbeit mit der Kernfamilie (Vater - Mutter - Kind)

    Zentrales Problem ist dabei die Beziehung ?Verbundenheit - Unterscheidung - Ablösung? als Stadien der Eltern-Kind-Beziehung. In diesem Setting ist es besonders hilfreich, die Frage zu klären: wer ist der Patient / Symptomträger? Und wer sind eigentlich die Konfliktpartner?

  • Arbeit mit der erweiterten Familie

    Zusätzlich zur Kernfamilie werden alle wichtigen Bezugspersonen berücksichtigt, die innerhalb der Familie eine besondere Funktion einnehmen. Solche gemeinsamen Sitzungen sind nur oftmals von Organisationsschwierigkeiten begleitet. Sie erweisen sich aber als besonders effektiv, wenn die Probleme der Familie auf konfliktbesetzten Konzepttraditionen und Familiendelegationen beruhen (Konzeptstammbaum).

  • Familientherapie ohne Patient / Partner

    Manchmal stellt sich die Situation so dar, daß ein Partner nicht einbezogen werden kann oder möchte oder daß der eigentliche Patient nicht zur Therapie kommen will, seine Familie aber unter den Problemen zunehmend leidet. In beiden Fällen findet die Behandlung mit der Einzelperson statt, die dann als Therapeut seiner Umgebung eingesetzt wird.

  • Krisenintervention in Familie und Partnerschaft

    Bei schwerwiegenden familiären Krisen gilt es zunächst die Grundfähigkeiten in beiden Konfliktpartnern zu aktivieren. Ist eine Partnerschaft in Gefahr sich aufzulösen, hat es sich bewährt, anstatt auf den bestehenden Konflikten zu insistieren, lieber die Selbsthilfestrategien anzusprechen und die fünf Stufen der positiven Psychotherapie zu vermitteln.

  • Psychosomatik und Familie

    Kennzeichen vieler psychosomatischer Patienten ist die Konfliktleugnung, die sich vor allem auch als Ignorieren familiärer Konflikte darstellt. Aufgabe ist es, von einem psychosomatischen Symptom - für das häufig Kinder als Symptomträger fungieren - zu dem zugrundeliegenden psychosozialen Konflikt zu kommen und die Konfliktverarbeitung neu zu starten. Eine Schlüsselrolle erhält die positive Deutung des Symptoms, die einen Zugang zum Sinn der Erkrankung eröffnet.

  • Psychosen in der Positiven Psychotherapie

    Psychische Grenzsituationen mit der Gefahr der Dekompensation werden nach der Strategie der fünfstufigen Therapie behandelt. Das Vorgehen ist aber nicht aufdeckend, sondern primär auf Ich-Stützung gerichtet. Durch positive Deutungen muß man der Familie / Umgebung helfen, den Sinn der Störung zu verstehen und das abweichende Verhalten zu akzeptieren. Außerdem liegt das Augenmerk zunächst auf den noch intakten Fähigkeiten des Patienten. Manchmal ist es auch nötig, Bezugspersonen aus dem sozialen Umfeld mit einzubeziehen. Grundsätzlich gilt: je schwerer die Störung, desto mehr Therapiestruktur durch die fünf Stufen ist nötig.

  • Positive Gruppenpsychotherapie

    Die Arbeit in der Gruppe erfolgt themenzentriert; dabei werden die Themen entweder von den Gruppenmitgliedern eingebracht oder vom Therapeuten in Form von Geschichten vorgegeben. Die wichtigsten Ordnungsprinzipien für die Gruppenpsychotherapie sind die 3 Interaktionsstadien Verbundenheit - Unterscheidung - Ablösung und die 5 Stufen der Therapie. Innerhalb dieses Rahmens werden die Strategien der Positiven Psychotherapie vermittelt. Im Vordergrund der Arbeit soll aber die Selbsterfahrung jedes Gruppenmitglieds stehen.

  • Positive Selbsthilfegruppen und Konfliktberatung im sozialen Bereich

    Technisch gilt das gleiche Prinzip wie bei der Gruppenpsychotherapie. Jetzt liegt jedoch der Schwerpunkt auf dem Aktualkonflikt. Transkulturelle und interdisziplinäre Beispiele haben dabei eine tragende Funktion. Insgesamt sind diese Formen der Selbsthilfegruppen unter einem psychohygienischen und fachübergreifenden Gesichtspunkt zu sehen, wo Menschen Mitmenschen helfen, von ihrer Selbsthilfe Gebrauch zu machen.


Nicht-klinische Anwendungsbereiche

Das Konzept der Positiven Psychotherapie kann u.a. in folgenden Bereichen angewandt werden:

- Erziehung und Vorbeugung
- (Lebens-) Beratung (Counselling)
- Managementtraining
- Therapie



Fallbeispiele